Gedanken zum Trinitatisfest

Die Sonne steht glühend heiß hoch oben am wolkenlosen Himmel. Wer immer kann, sucht sich ein schattiges Plätzchen. Inmitten dieser Einöde tut sich ein kleines Paradies auf, eine Oase mit einer Quelle frischen Wassers und einer Gruppe von schattenspendenden Bäumen. Einige Zelte sind aufgebaut und Mensch und Tier lagern auf dem Grün, dankbar für diese Möglichkeit. 
Eine kleine Reisegruppe, bestehend aus drei wildfremden Männern, ist gerade eben eingetroffen und sitzt schon mit ihrem Gastgeber bei einem Essen unter einem Baum und unterhält sich. Plötzlich heißt es: „ … übrigens wird deine Frau schwanger werden … “ Die hochbetagte Sara soll bald ein Kind bekommen! Gegen so viel augenscheinliche Unverhältnismäßigkeit hilf nur eines: das Lachen. 

Und Sara, die heimlich an der Zelttür lauscht, lacht kräftig. Das Wort der drei Männer kann man nur als Scherz auffassen, alles andere wäre entweder unmöglich oder verletzend. Nicht, dass Gott keinen Humor versteht, er hat ja schließlich uns Menschen erschaffen! Aber es scheint so, als könne er ganz und gar nicht darüber lachen, dass ihm Sara keinen Glauben schenken will. Wenn es um das Wohlergehen  und die Zukunft seiner geliebten Menschen geht, versteht Gott keinen Spaß. Sollte Gott etwas unmöglich sein? Plötzlich hat man es mit Gott zu tun. Das kann mitten im Alltag geschehen, gerade dann, wenn man es am Wenigsten erwartet. 

Die von Gott für diese Begegnung gewählte Verkleidung in die Gestalt dreier Reisender ist mehr als merkwürdig. In einzigartiger Weise werden hier die sonst so klar gezogenen Grenzlinien zwischen Gott und seinen Boten verwischt, so dass man zu dem Schluss kommen kann, dass die drei Reisenden nicht nur die Verkleidung Gottes sind. 
Darum hat man in der Alten Kirche sehr bald diese Geschichte als Offenbarung der Dreieinigkeit Gottes verstanden. Der eine Gott begegnet Abraham und Sara in der Dreifaltigkeit seines Wesens als Gott-Vater, als Gott-Sohn und als Gott-Heiliger Geist in den Gestalten dreier Reisender, wie es auf der Ikone in diesem Blatt abgebildet ist. 

Gott, der Vater, sitzt als der Vornehmste in der Mitte. Seine Würde und Hoheit wird auch an seinem herrschaftlichen Gewand ersichtlich. Blau gilt als die Farbe der Gottheit, die hier deutlich in den Vordergrund tritt. Er ist der Ursprung und der Schöpfer. Dafür steht der Baum, der auf den Baum des Lebens im Paradiesgarten hinweist. 
Der Vater ist fragend dem linken Engel zugewandt, der den Heiligen Geist repräsentiert. Bei ihm ist das göttliche Blau fast vollständig vom feuerroten Obergewand verdeckt. Es ist Gott, der Heilige Geist, der Menschen begeistert, damit sie Feuer und Flamme für die Sache Gottes werden. Er ist es, der die Christenheit in der Welt zur Gemeinschaf der Heiligen, zur heiligen und allumfassenden Kirche sammelt. Darauf deutet das Haus hin, das ihm zugeordnet ist.  
Der Heilige Geist wiederum verweist mit segnender Hand auf den Sohn, der von uns aus gesehen „zur Rechten des Vaters“ sitzt. Neben das göttliche Blau tritt bei ihm das irdische Grün, was auf seine Menschwerdung hindeutet. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Seine Menschwerdung bewirkt aber auch, dass er ein kleines Stück abseits von den anderen beiden Engeln sitzt, deren Flügel sich sogar überschneiden. Christus hat die göttliche Herrlichkeit verlassen und hat sich in die Einsamkeit des Erdenlebens hineinbegeben, in die Verlassenheit von Gethsemane  und Golgatha. Der Berg im Hintergrund kann demnach als Hügel Golgatha gedeutet werden, auf dem der Sohn den Weg des Gehorsams bis zum bitteren Ende.


Video-Motette mit Bach-Kantate "Wir danken dir, Gott" mit Tenor Tobias Hunger