Verantwortlich leben - Neuer Gemeindebrief online

Verantwortlich leben, so lautet der Titel des neuen Gemeindebriefes.
Aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet der Gemeindebrief, wie wir als Christinnen und Christen unserer Verantwortung für die Kirche, für diese Welt und unsere Mitmenschen wahrnehmen können.
Daneben finden sich – wie üblich – Berichte aus dem Leben der Kirchengemeinde. Diese Ausgabe des Gemeindebriefes ist auch wieder auf Papier gedruckt erhältlich.
Der Gemeindebrief wird in der Druckerei gerade fertiggestellt und wird Mitte September allen Gemeindegliedern zugestellt.
Wenn Sie schon mal lesen wollen, den Gemeindebrief finden Sie hier:

Sinai
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Dieser Sonntag heißt auch Israelsonntag. Während in der Vergangenheit an diesem Tag die vermeintliche Überlegenheit des Christentums demonstriert wurde, stehen heute die Aufarbeitung auch der kirchlichen Mitschuld und die Trauer über das Unrecht, das den Juden angetan wurde, sowie die heutigen guten Beziehungen zwischen Juden- und Christentum im Vordergrund.

Der Israelsonntag liegt zeitlich in der Nähe zum 9. Tag des jüdischen Monats Aw. Im Judentum gedenkt man an diesem Tag der Zerstörung sowohl des salomonischen Tempels durch die Babylonier 586 vor Christus als auch des herodianischen Tempels durch die Römer im Jahr 70 nach Christus.

Als Saulus vor Damaskus zum Paulus wurde, als aus dem Christenhasser der Begeisterte für die Sache Jesu wurde, stand der Tempel noch. Aber die Frage für Paulus war schon, ob Gott noch zu dem Volk Israel steht, ob die Zusagen, wie wir sie im Buch Exodus lesen, noch stimmen.

Im 11. Kapitel des Römerbriefes sagt Paulus es ganz klar: „Und so wird ganz Israel gerettet werden!“ (Rö 11, 6) Und zwar dann, wenn alle Heiden gerettet sind, so die Aussage des Paulus. Gottes Barmherzigkeit gilt allen, Gott selbst wird die Juden retten, nicht wir Christen, nicht die Kirche, die Rettung hat er sozusagen zur Chefsache erklärt.

Gott bleibt sich treu, er bleibt seinem Ja zu Israel treu - und er bleibt auch dem Ja zu uns, ausgesprochen bei unserer Taufe, treu. Gott irrt sich nicht, er bleibt barmherzig, auch wenn wir untreu werden Gott gegenüber und unbarmherzig zu anderen und zu uns selbst.

Weil Gott dem Volk Israel treu bleibt, sind wir Christen es auch! Deshalb ist es unsere Aufgabe, dass wir uns gegen jede Form von Antisemitismus einsetzen.

Der Israelsonntag zeigt deutlich, dass Gott einen Plan hat, der über uns einzelne Menschen weit hinausragt. Wir kreisen ja oft um uns selbst und meinen, alle anderen - und Gott - müssten das auch tun. Gott aber zieht einen großen Kreis um alle und keiner bleibt außen. Vielleicht hilft uns dieser Gedanke manchmal, wenn wir uns zu wichtig nehmen. Wir sind Gott wichtig, sein Ja bleibt, aber wir sind Teil seines ganz großen Plans, Gott hat uns alle im Blick!

Bleiben Sie behütet und gesund,
Ihre Pfarrerin Martina Buck

Goldfische
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Die Reformation ist jetzt über 500 Jahre her. Nach einem halben Jahrtausend ist klar, dass wir als Christen alle berufen sind. Wir sollen nicht nur passive Zuhörer sein, sondern wir sind gerufen mit unserem Leben die Barmherzigkeit Gottes sichtbar zu machen. Jetzt nach einem halben Jahrtausend ist diese Aufgabe besonders wichtig. Um unsere Aufgabe aus einer neuer Perspektive verstehen zu können, lade ich euch zu einer kleinen Reise ein.

Dieses Jahr darf man zwar nicht real nach Bosnia-Herzegovina, nach Südosteuropa reisen, aber wohin wir in Gedanken reisen, kann uns keiner verbieten. Dieses Land hat auch ein kleines Stück am wunderschönen Adriatischen Meer. Aber lasst uns jetzt zu einem See reisen. Bei einem Dorf mit Namen Jezero liegen mehrere Seen. Bei einem kleineren See liegt ein schöner Hof mit einem schönen Haus. Im See sind goldene Fische. Zwei junge Männer mit großem Fachwissen füttern sie und regelmässig fischen sie einige für ein Aquarium heraus. Sie handeln mit diesen Fischen und viele kleine Kinder verlassen diesen Hof fröhlich mit ihrem neuen Fisch.

Der Hof ist fröhlich und von einer traumhaften Natur umgeben. Wenn man genauer hinschaut, sieht man im Dorf auch noch einige Ruinen. Lass uns die junge Männer fragen: Wie klingt die Geschichte dieses Dorfes? Was sie erzählen, ist traurig und erschreckend…und nicht nur das… Das Dorf lag nach dem Bosnienkriege zwischen 1992-1995 in Trümmern. Mehrere tausend Menschen haben ihr Leben verloren. Aber woher haben sie dieses schöne, hübsche Haus und die Fische? Ihr Vater hat ihnen 1990 zwei Goldfische geschenkt. Zwei Jahre später mussten sie mit ihrer Mutter mitten in der Nacht fliehen. Der Vater ist zurückgeblieben, um zu kämpfen und leider schnell im Krieg gefallen. Die Mutter hat sich zurück geschlichen um ihren Mann zu beerdigen und aus dem Haus zu retten, was zu retten war. Sie hat sich auch der beiden Fische erbarmt und sie in den See geworfen. Als sie 1995, also drei Jahre später, nach Hause kommen konnten, war das Haus nicht mehr wiederzuerkennen. Der See aber glänzte von den Fischen. Die halb verwaisten Jungs haben schnell verstanden, dass ihr Vater sich auf diesem Weg um sie gekümmert hat. Sie haben die Goldfischzüchterei weiterentwickelt. So konnten sie das Haus renovieren.

Es ist schmerzhaft, aber wir müssen annehmen, dass die Welt mit ihrer gesamten Bevölkerung und Wirtschaft die zerstörerische Kraft des Virus erlebt. Manche Sachen werden sich ändern. Es mag sein, dass die Zerstörung noch nicht zu Ende ist. Danach kommt aber Leben, pflanzen und bauen. Wir dürfen mit Gottes Vertrauen im Herzen durch diese Krise gehen. Diese Perspektive bereichert heute unsere Aufgabe. Wir sind tätig in ganz unterschiedlichen Bereiche, aber uns trägt die gleiche Hoffnung. Wir dürfen uns in Hoffnung und Zuversicht stärken. Am Ende wird der Teich mit den Fischen auf uns warten.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Vikarin Eszter Huszar-Kalit

Kreuz
Bildrechte: Eszter Huszar-Kalit

Der 7. Sonntag nach Trinitatis hat in seinem Mittelpunkt das Brot des Lebens, Jesus Christus, der sich uns im Abendmahl, in der Gemeinschaft oder durch das Wort und den persönlichen Glauben schenkt. Im Abendmahl dürfen wir erleben, dass wir zu ihm mit unseren Sorgen, Ängsten, unserem schweren Gewissen kommen. Er tritt zu uns in der Abendmahlliturgie. In den Einsetzungsworten hört man immer wieder seine Tragödie, aber auch die heilende Katharsis. „Mein Leib, der für euch gegeben wird…Das Blut des neuen Testaments…“ Diese heilende Kraft berührt uns und schenkt uns barmherzig einen neuen Beginn. Er schenkt uns nicht nur die Befreiung, sondern auch die Gemeinschaft derer, die seine Heilung erleben. Er einigt uns trotz aller Unterschiede. Wir gehören nicht nur zu verschiedenen Nationen, sondern wir gehören auch zu ihm.

Der dreifache Aufruf aus dem Brief an die Hebräer klingt irgendwie bekannt. Man sollte irgendwie immer gastfreundlich sein und die Misshandelten unterstützen… Immer wieder die Gemeinschaft bauen. Als ob das so einfach wäre?! 2015 spürten wir die Probleme des Nahen Ostens hautnah und Europa wurde auf die Probe gestellt. Wie weit können wir gastfreundlich sein? Es ist nicht immer so einfach. Jetzt in der Corona -Zeit hat eine andere große Probe ihren Anfang genommen. Wegen der Ansteckungsgefahr ist Distanz angesagt. Einige Begegnungen, größere Treffen sind nicht empfehlenswert. Auf die Nähe des Händeschüttelns und der Umarmung müssen wir verzichten. Wie soll man so Gemeinschaft erleben? Ich lerne seit ein paar Jahren, wie wichtig und bereichernd der Austausch mit Fremden trotz aller Schwierigkeiten sein kann. Der Philosoph Martin Buber sagt, eigentlich kann ich mich selber nur durch den anderen, durch ein Gegenüber richtig erkennen. Der Philosoph Emmanule Levinas geht noch einen Schritt weiter. Dieser Andere bleibt teilweise fremd. Doch nur durch die Begegnung mit dem Fremden kann ich mich weiterentwickeln. Im Unbekannten kann man das Antlitz Gottes, mit seinem reichen Geheimnis erleben. Diese Gastfreundschaft ist aber ein Schlüssel zur Zukunft. Diese Begegnungen schenken uns eine neue Perspektive, die uns Gottes Plan mit unserem Leben näher bringt. Wir überdenken unsere gewohnten Regeln und entdecken Raum für neue Freiheit, für Wachstum. Wenn wir den Fremden, den Gefangenen oder Bedürftigen treffen oder sogar helfen, lernen wir durch diese andere Perspektive unser Leben zu schätzen. Wir teilen auch die Gaben, die wir haben. Wenn eine Begegnung aber nicht stattfindet oder herausfordern ist, ist es immer wieder gut zum Meister der Begegnungen zurückzukehren. Ohne Abendmahl ist es schwieriger seine heilende Kraft näher zu erfahren. Ich bin mir aber sicher, er schafft es jetzt trotz Corona die Menschen zu berühren und zu einigen. Sein Wort tröstet und stärkt uns. Er schenkt uns seine Einheit durch sein Wort.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Vikarin Eszter Huszar-Kalit